Guten Abend,

wenn den Titel einer frischen Ausgabe des Greenpeace Magazins ein goldener Hirschkäfer ziert und darunter „Wahrer Reichtum“ steht, dann ahnen Sie es schon: Es geht nicht um etwas, das man auf dem Bankkonto horten oder womit man die Nachbarn neidisch machen kann, sondern um eine andere Art von Reichtum – den Reichtum der Arten.GPM Titel 2018 04 Andrea

Was den betrifft, befindet sich unser Vermögen in einem besorgniserregenden Zustand. Das betrifft nicht nur große Tiere wie Elefant, Orang-Utan oder Eisbär, sondern auch das, was – normalerweise – vor allem im Sommer über uns, um uns herum und unter unseren Füßen kreucht, fleucht und krabbelt: Insekten. Sie verschwinden, und mit ihnen viele Vögel, Fische und Pflanzen. Das ist auch für uns eine Überlebensfrage. Denn wie lange sind die Regale im Supermarkt noch voll, wenn achtzig Prozent der Wildpflanzen von der Bestäubung durch Insekten abhängen und sechzig Prozent der Vögel auf Insekten als Nahrungsquelle angewiesen sind? Krefelder Forscher machten vor einem Jahr weltweit Schlagzeilen mit dem Nachweis, dass die Zahl der Fluginsekten dramatisch sinkt; in den letzten 27 Jahren hat ihre Zahl in Deutschland um über 75 Prozent abgenommen. Grund genug, die Forscher, ihre Forschungsobjekte und weitere damit verbundene Aspekte unter die Lupe zu nehmen.

Der klassische Insektenkundler oder Entomologe gilt vielen von uns noch immer als verschrobener und leicht verpeilter Professor, der mit Hut auf dem Kopf und Kescher in der Hand seltenen Schmetterlingen nachjagt. Die besagten Insektenforscher aus Krefeld aber schafften es mit den alarmierenden Ergebnissen ihrer Studie unter die Top Ten der weltweit meistzitierten und -diskutierten Fachartikel 2017, und die britische Royal Society of Biology setzte sie auf ihre Liste der „Großen Biologischen Durchbrüche des Jahres“. Wolfgang Hassenstein hat die Insektenfreunde besucht.

Auch unsere Kollegin Svenja Beller ist mal näher rangegangen und stellt fünfzehn der 33.000 in Deutschland lebenden Insekten in liebevollen Miniaturporträts vor: die Grüne Florfliege etwa, die sich auf kluge Weise vor hungrigen Fledermäusen schützt, oder die Hainschwebefliege, die viele Menschen auf den ersten Blick mit Wespen verwechseln. Diese Extremsportlerin legt jährlich Hunderte Kilometer zurück, weil sie den Winter im Süden verbringt. Oder die Braune Raubknotenameise, die die Nester anderer Ameisenarten überfällt und brutal erobert.

 

Fünfzehn von 33.000, und es gibt noch so viel Unentdecktes. Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität der Tiere, zeigt in seiner kleinen Kulturgeschichte der Artenvielfalt, dass wir weltweit gerade mal rund 1,5 Millionen Tierarten wissenschaftlich beschrieben haben – Experten gehen davon aus, dass das vielleicht ein Zehntel der biologischen Vielfalt ausmacht. Da werden wir uns beeilen müssen mit der Erfassung, denn das derzeitige Massenaussterben hat eine bedrohliche Dimension erreicht. Die Menschheit, schreibt Glaubrecht, entfalte eine ähnlich verheerende Wirkung wie der Einschlag eines extraterrestrischen Körpers.

Eine unrühmliche Rolle spielt dabei die heute vorherrschende Landwirtschaft. Darüber haben wir mit Peter Feindt, dem Vorsitzenden des Rates für Biodiversität des Agrarministeriums, gesprochen. Er empfiehlt Ministerin Julia Klöckner eine visionär andere Landwirtschaftspolitik für mehr Leben auf dem Acker. Wir begleiten Forscher, die sich ungern als Artenjäger bezeichnen lassen, auf der Suche nach Neuentdeckungen. Während die einen auf Expedition gehen, bemühen sich andere um die Rettung bedrohter Spezies: In Brandenburg werden Papageien gezüchtet, um sie später in ihrer Heimat wieder auszuwildern. Das ist nicht unumstritten, doch seltene Arten wie die brasilianischen Spix-Aras und die karibischen Kaiseramazonen haben sonst wohl keine Überlebenschance. Unser Autor Bastian Henrichs hat sich die Sache genauer angesehen.

In unserem Elementarteil erzählen zwei „Augenzeuginnen“, wie sie sich mit ihrem kleinen Bioladen in Berlin-Neukölln gegen Kundenwünsche nach Litschi, Ladenöffnungszeiten bis 21 Uhr und die großen Bio-Ketten behaupten. Wolfgang Hassenstein bringt uns im „Wasserstandsmelder“ die neuesten Klima-Entwicklungen nahe. Im „Portfolio“ zeigen wir Ihnen eine Arbeit des Fotografen Jan Richard Heinicke, der den absurden Aufwand der Katarer dokumentiert, um Tomaten, Salatköpfe und Kühe im Wüstenklima wachsen zu lassen. Und in der Rubrik „À la Saison“ hat sich unsere Autorin Katja Morgenthaler der Weintraube gewidmet. Dieser alten Kulturpflanze, apropos Wüstenklima, bekommt der deutsche Hitzesommer dem Vernehmen nach prächtig – Winzer hoffen auf einen guten Jahrgang.

Wir dagegen hoffen, dass Ihnen die neue Ausgabe gefällt. Wenn Sie zwischendurch vom Tatendrang gepackt werden, dann ist vielleicht die Mitmach-Konferenz für eine bessere Welt was für Sie, die am 18. und 19. August auf Gut Karlshöhe im Hamburger Stadtteil Bramfeld stattfindet. Es gibt Talks, Infos, Workshops, konkrete Handreichungen für die Projektumsetzung und jede Menge Gelegenheiten zum Netzwerken. Das Greenpeace Magazin wird dort übrigens auch ausliegen.

 


Kerstin Eitner
Redakteurin

Quelle: Newsletter - https://www.greenpeace-magazin.de/