HEIDENROD - Der Urwald von morgen wächst zwischen Kemel und Watzelhain. Seit mehr als zehn Jahren wird auf der drei Hektar großen Waldfläche kein Baum mehr gefällt, kein Holz gerückt, kein Bäumchen gepflanzt. Der Wald bleibt sich selbst überlassen. Rund 4650 Hektar umfasst der Gemeindewald Heidenrod, etwa sieben Prozent davon sind stillgelegt. Das ist etwas mehr, als es der Forest Stewardship Council verlangt, damit der Waldbesitzer sich mit dem FSC-Siegel schmücken darf. Der Heidenroder Gemeindewald ist seit zwölf Jahren FSC-zertifiziert und darauf ist Bürgermeister Volker Diefenbach (SPD) stolz. Als zweitgrößter Waldbesitzer in Hessen beweise die Gemeinde damit „Pioniercharakter“ bei der nachhaltigen Bewirtschaftung ihres Waldes. Andere Waldbesitzer – beispielsweise das Land Hessen – hätten erst in jüngster Zeit nachgezogen.

urwald in heidenrod 1

 

Verzicht auf Chemie ist Bedingung für das Siegel

Zu den Vorgaben, die der FSC macht, gehört der Verzicht auf den Einsatz von Chemie. Weder Insektizide noch Herbizide – also Unkrautvernichtungsmittel – dürfen im Gemeindeforst eingesetzt werden. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Noch während seiner Ausbildung sei gefälltes Holz standardmäßig gegen Käferbefall behandelt worden; auch bei Pflegemaßnahmen kamen Spritzmittel statt Hacken zum Einsatz, erinnert sich der gelernte Förster.

urwald heidenrod zertifizierung fsc

Eine natürliche Waldgesellschaft als Ziel

Stattdessen orientieren sich FSC-zertifizierte Betriebe am Ziel einer „natürlichen“ Waldgesellschaft – einer Zusammensetzung von Bäumen also, die sich einstellte, würde der Mensch nicht mehr eingreifen. Dieser Naturwald sei nicht unbedingt spektakulär – und bis er tatsächlich alle Einflüsse des Menschen abgestreift hat, müssen noch etwa hundert Jahre ins Land gehen, verdeutlicht der Bürgermeister.

Besonders wichtig ist ihm auch die soziale Komponente: Der Gemeindeforstbetrieb bildet derzeit zwei junge Leute im Beruf des Forstwirtes aus, zahlt „faire“ Löhne und beauftragt nach Möglichkeit regionale Betriebe mit Dienstleistungen. FSC bedeutet zudem einen schonenden Umgang mit dem Ökosystem Wald, den Einsatz umweltfreundlicher Betriebsmittel und eine natürliche Verjüngung.

Mit der „Beförsterung“ des Gemeindewaldes ist Hessen Forst beauftragt: Die drei Förster in den Revieren Laufenselden/Egenroth, Kemel/Springen und Zorn/Dickschied setzen die Vorgaben der Gemeinde im Wald um. Grundlage ist dabei das Forsteinrichtungswerk, ein Zehn-Jahres-Plan, in dem die Ziele der Bewirtschaftung festgelegt werden. Dazu gehört etwa der Hiebsatz, also die Menge an Holz, die dem Wald jährlich entnommen wird, aber auch die geplante Zusammensetzung, die Art der Durchforstung, die Finanzplanung sowie der Umgang mit besonderen Beständen. Im jährlichen Forstwirtschaftsplan werden die Ziele in konkrete Projekte gefasst: In welchem Bestand wird gefällt, wie viele Arbeitskräfte werden dazu benötigt, mit welchem Erlös ist zu rechnen. Die Umsetzung ist Sache der Förster. Als eine Art „Manager des Waldes“ legen sie fest, wo wie viele Bäume geschlagen werden, beauftragen die Unternehmen und planen den Einsatz der Waldarbeiter.

Die wiederum sind bei der Gemeinde beschäftigt: Sieben Forstwirte und ein Forstwirtschaftsmeister bilden den Gemeindeforstbetrieb. Zu ihren Aufgaben gehört das Fällen von Bäumen, der Bau und die Unterhaltung von Zäunen, Wegen und Schutzhütten sowie Pflege- und Verjüngungsmaßnahmen. Die Maschinen hingegen halten private Unternehmen vor, mit denen die Gemeinde mehrjährige Verträge hat. Sie erledigen beispielsweise die Einsätze mit dem Vollernter sowie das Rücken des Holzes. Insgesamt gibt der Wald damit etwa 30 Personen Arbeit und Brot – der Wald sei damit ein „bedeutender Wirtschaftsbetrieb“, betont der Bürgermeister.

23 000 Festmeter Holz werden derzeit jährlich dem Wald entnommen – das sind fast 1000 Lastwagenladungen. Im Durchschnitt vier Lkw pro Tag verlassen den Wald mit Holz. Rund 2000 Festmeter davon gehen pro Jahr als Brennmaterial an das Biomassekraftwerk in Kemel. Außerdem arbeiten rund 450 Brennholz-Selbstwerber jedes Jahr Kronenholz auf. Die Einnahmen, die die Gemeinde aus dem Holzverkauf erzielt, summieren sich auf rund 100 000 Euro – das ist mehr als die Jagdpacht, die bei insgesamt 80 000 Euro liegt. Insgesamt macht der Forstbetrieb mit einem Umsatz von jährlich 1,4 Millionen Euro knapp acht Prozent des Heidenroder Haushalts aus.

Dabei liegt der Hiebsatz derzeit noch unter dem jährlichen Zuwachs. Denn seit den verheerenden Stürmen vor rund 25 Jahren – allein 1990 vernichtete „Wiebke“ das Elffache des jährlichen Hiebsatzes – ist der Gemeindewald „unterbevorratet“. „Der Wald war in weiten Teilen zerstört“, erinnert sich Diefenbach mit Schrecken. Seitdem wachsen im Wald zu wenige oder zu dünne Bäume. Damit der Wald sich erholt, wird seit den Stürmen weniger Holz entnommen, als nachwächst.

Doch es gibt nichts Schlechtes, was nicht auch etwas Gutes hätte: Die Katastrophe bewirkte ein Umdenken bei der Bewirtschaftung des Waldes. Der bestand damals zu 85 Prozent aus Fichten-Reinbeständen, die nach einer bestimmten Zeit geerntet wurden. Erst 1992 beschloss die Gemeindevertretung, den „naturnahen Waldbau“ anzustreben.

Tote Bäume bieten Spechten Lebensraum

Wie eine „natürliche“ Waldgesellschaft in der Region aussieht, das weiß niemand so genau – zu lange gestaltet schon der Mensch den Wald. „Unsere Lebenszeit reicht nicht aus, um darüber kluge Erkenntnisse zu gewinnen“, weiß Diefenbach. Ganz gewiss gehört jedoch die Rotbuche zu den vorherrschenden Baumarten; Eichen können nur dort dominieren, wo es den Buchen zu trocken ist. In den Höhenlagen hat auch die Fichte eine Chance, denn dort fällt auch während der Vegetationszeit ausreichend Regen. Die Douglasie verträgt Trockenheit besser, darf aber nach den FSC-Vorschriften maximal 20 Prozent des Waldes ausmachen.

Derweil wächst auf der stillgelegten Fläche bei Watzelhain der „Urwald“. Erst Enkel oder Urenkel werden wohl zu sehen bekommen, wie ein solcher Wald aussieht. Noch ist nichts Spektakuläres zu sehen auf der Fläche; lediglich einige abgestorbene Bäume stehen zwischen den hohen Laubbäumen. Dass sich aber doch schon ein bisschen etwas geändert hat, kann man hören: Ein stetiges Klopfen zeigt, dass hier viele Spechte zu Hause sind.

 

Von Hannelore Wiedemann
Quelle: http://www.wiesbadener-tagblatt.de/lokales/untertaunus/heidenrod/seit-zwoelf-jahren-bewirtschaftet-heidenrod-seinen-wald-nach-fsc-kriterien_17817819.htm